...Es ist ein wenig länger geworden.
Nach kurzem und unruhigem Schlaf stehe ich am Ostermontag gegen 7 Uhr auf, um die Herausforderung anzugehen. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich im dichten Nebel gerade noch die Häuser auf der anderen Straßenseite. Es ist auch ziemlich frisch vor der Tür. Dennoch kein Grund sich verrückt zu machen.
Nachdem ich meine Sachen inkl. Rücklicht und Jacke zurechtgelegt habe, esse ich noch einen Teller voll Nudeln (Danke nochmal!). An Verpflegung nehme ich Bananen und Müsliriegel und zwei gefüllte große Trinkflaschen mit. Das Rücklicht stecke ich ans Rad, damit ich auch gut am Start ankomme. Irgendwie rechne ich nicht damit, dass sich der Nebel am Vormittag auflöst und fahre in Anbetracht der Temperatur mit Jacke.
Auf geht's, knappe zehn Kilometer zum Start gefahren und dort ganz in Ruhe zwei Runden auf der Bismarckstraße. Ich freue mich, als ich die zahlreichen anderen Starter mit ihren Rädern sehe, eine schöne vorfreudige Anspannung. Schließlich stelle ich mein Rad im hinteren Startblock ab und halte zu Fuß Ausschau nach Andi. Bei aller Mühe kann ich ihn nicht entdecken.
Nagut, zurück in den Startblock. Inzwischen hat er sich ganz gut angefüllt. Nach mindestens 15 Minuten der Start des ersten Blocks vor uns. Wie erhofft dürfen wir nicht erst 10 Minuten später, sondern bereits 2 Minuten nach diesem starten. Die Situation ist weniger kritisch als erwartet. Recht schnell bin ich in den Pedalen und es kann vorsichtig vorwärts gehen.
Jetzt ist alles herrlich abgesperrt und es geht auf der Straße aus Leverkusen heraus. Ich versuche halbwegs im Windschatten zu bleiben, fahre aber gelegentlich vor, wenn ich befürchte, dass sich eine Lücke bilden könnte. So geht es nach Odenthal und in den ersten Anstieg. Zunächst läuft es ganz gut mit über 30 km/h. Durch das Begleitfahrzeug entsteht auch der Eindruck, dass wir ganz gut im Rennen liegen. Dann geht es bei Pistershausen in den steileren Abschnitt des Anstiegs. Auf einmal habe ich den Eindruck, dass vor mir etwa 5 km/h langsamer gefahren wird.
Diese Differenz erscheint mir zu groß und ich fahre erstmal (fast) im gleichen Gang weiter. So schwer hatte ich diesen Anstieg nun auch nicht in Erinnerung. Jetzt frage ich mich, ob es nicht vielleicht unvernünftig ist, hier schon an den anderen vorbeizufahren. Zunächst setze ich dies fort, auch wenn mich Anstieg und Kondition in meine Grenzen weisen. Nun habe ich einen Begleiter, der etwas überrascht über meine Fahrweise ist und das auch anspricht. Meine Atmung ist nun aber schon recht schwer, doch ich bin froh, dass wir nun die großzügige Linkskurve vor Bechen durchfahren. Hier noch die Steigung hoch und dann müsste doch gleich hinter der Rechtskurve das Ortsschild kommen. Da ist es und auch Zuschauer haben sich an der Strecke eingefunden. Herrlich!
Die letzten Höhenmeter im Ort schienen nicht mehr so schwergefallen zu sein, und schon durchfahren wir den Kreisverkehr und biegen Richtung Spitze ab. In einer kleinen Gruppe machen wir uns auf die Abfahrt über Spitze nach Bergisch Gladbach. Vor dem Ortseingang in Bergisch Gladbach fällt mir wieder der schlechte Straßenzustand auf. Eine Probefahrt war also nicht nur aus konditioneller Sicht sinnvoll. Am Abzweig zur Dombach-Sander-Straße stehen zahlreiche Helfer und weisen lautstark rechtzeitig und mit Wimpeln auf die Kurve hin. Auch ist mir aufgefallen, dass andere Abzweige regelrecht abgesperrt waren, so dass man auch nicht an der falschen Stelle abbiegen konnte. Wirklich toll organisiert!
Jetzt aber zur Dombach-Sander-Straße. Schon in der Kurve schalte ich ein Kettenblatt kleiner und ein paar Ritzel höher. Am Anfang ist der Anstieg noch moderat, doch ich merke bald, dass ich nach links muss, da vor mir teilweise meiner Meinung nach zu zögerlich gefahren wird. Auf der linken Seite kann ich schön im Sitzen hochfahren, es wird aber ziemlich hart zum Ende. Die sehr zahlreichen anfeuernden Zuschauer habe ich schon irgendwie ausgeblendet, auch wenn mich Ihre Anwesenheit motiviert, und will nur noch oben ankommen. Da sehe ich endlich das Hotel und fahre um die letzte Kurve des Anstiegs.
Auf in die kurze Abfahrt in Richtung Bensberg. Dort geht es wieder leicht bergan und schnell sind wir an der Kreuzung, an der es links zum Schloß hochgeht. Hier hat man sogar eine Bühne aufgebaut und es wird gerade mit dem Soundcheck begonnen. Aus einem geparkten Auto höre ich, glaube ich, Genesis; ein kleiner Lichtblick nach der Beschallung, der man am Start ausgesetzt wurde.
Hier haben sich auch viele Zuschauer eingefunden, das erleichtert es natürlich, mit einem leichten Schmunzeln im Sitzen hochzufahren. Auf dem Kopfsteinpflaster treffe ich meinen kurzfristigen Begleiter von Bechen wieder und empfehle ihm, einfach hochzufahren, da es ja nun nicht mehr weit ist. Hier ist die Strecke gesäumt von Zuschauern, es macht wirklich Freude, vor dieser Kulisse zu fahren. An Kopfsteinpflaster kenne ich auch durchaus übleres, aber für's Rennrad reicht das hier. Auch das Durchfahren an allen Ampeln ist natürlich ein Erlebnis, dass im Alltag nicht so zu realisieren ist.
Nach einer kurzen Abfahrt geht es auf die Gegensteigung nach Rösrath Forsbach. Irgendwann führe ich die Gruppe an, vermutlich wollen sich die Anderen schonen. Jetzt in die Abfahrt nach Kleineichen. Hier fährt mein Vordermann mitunter etwas unberechenbare Schlenker. So fahre ich wieder vor und bleibe etwa an dritter Stelle in der Gruppe. Vor mir führen zwei recht ambitionierte Starter. Kurz vor dem Abzweig "blättere" ich meinen Tacho durch, entdecke einen Schnitt von etwa 35 km/h und mache mir von nun an keine Sorgen mehr ums Zeitlimit.
Am Abzweig fahre ich die Linkskurve weit innen und übernehme wieder ein Stück die Führung. Dann fragt mich ein Fahrer nach den kommenden Anstiegen. Die habe ich mir mit Startkilometer, Länge und Durchschnittssteigung auf dem Ausdruck der Marschtabelle notiert. Es sind noch etwa 5 km bis zum Lüghauser Berg, danach kommt der Ferrenberg, beide gut 1 km lang mit 8 bzw. 9 % Durchschnittssteigung. Schließlich ein weiterer Anstieg, den ich ähnlich schwer wie Bechen am Anfang der Challenge einschätze. Nach diesen drei mir unbekannten Anstiegen würde es dann ab Spitze noch einmal nach Bergisch Gladbach OT Sand

und erneut zum Schloß Bensberg gehen.
Jetzt aber weiter im Geschehen... Wir kommen zum Lüghauser Berg. Am Einstieg kann ich noch halbwegs mithalten, doch nun merke ich die Hangabtriebskraft doch stark. Einige ziehen vorbei. Ein wenig ärgere ich mich darüber, dass ich so schnell begonnen habe. Doch bald kommt das 500 m Schild und schließlich ist der Berg dann doch bezwungen. Hier irgendwo treffe ich einen besonders freundlich wirkenden Mitstreiter, dem ich später wieder begegnen sollte.
Obwohl ich regelmäßig gegessen und getrunken habe, komme ich jetzt an meine Grenzen. Auf den nicht ganz flachen Abschnitten, faux plat montant sagt man wohl, überholen mich einige Mitfahrer, die ich zunächst passiert hatte, an steileren Stellen. Nagut, bergab ist die Physik dafür auf meiner Seite. Auf der Abfahrt erreiche ich wohl die heutige Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h und staune kurz, dass man mit einem 53er Blatt wohl noch einen Tick schneller fährt.
Doch da beginnt schon der Anstieg zum Ferrenberg. Eigentlich läuft es eher schlechter als besser gegenüber dem Lüghauser Berg. Was soll's, ich komme auf dem Rennrad oben an und überstehe auch die Gemeinheit eines weiteren faux plat montant. Jetzt ist die Hälfte der Strecke geschafft und auch der fünfte von acht Anstiegen. Auf der Abfahrt versuche ich mich ein bißchen zu erholen, esse und trinke wieder. Jetzt also noch der längere Anstieg. Es geht von Immekeppel über Voiskülheim und Oberkühlheim nach Bärbroich, bis Oberkühlheim sind das 140 Höhenmeter auf gut 3 km Strecke. Klingt machbar, ist aber angesichts der Vorbelastung eine echt harte Probe. Und auch objektiv geringfügig schwerer als Bechen am Anfang. Wieder ziehen an mir die Mitfahrer vorbei, die ich schon ein- oder zweimal überholt habe. In Voiskülheim lassen sie mich dann richtig stehen.
Nach dem Ortsausgang sind auch keine Zuschauer mehr zu sehen und ich bin plötzlich allein. Weder vor noch hinter mir jemand in Sichtweite. Jetzt wäre der Zeitpunkt ein zur Wetterlage passendes Gedicht von Hermann Hesse zu rezitieren. Ich entschließe mich, erstmal weiter bergan zu fahren. Zeit vergeht und ich fahre mit der noch möglichen Geschwindigkeit nach Bärbroich. Noch einmal schaue ich nach hinten, doch es ist niemand zu sehen. Schon eigenartig, plötzlich ganz allein unterwegs zu sein. Die Zuschauer machen mir schon durch ihre Anwesenheit etwas Mut. Jetzt kann ich wieder auf's große Kettenblatt schalten und auch eine gewisse Trittfrequenz fahren. Am Ortsausgang ruft mir ein Zuschauer "... und jetzt einfach Kette rechts weiter!" zu. Stimmt, doch ich schalte noch nicht ganz nach rechts. Mir fällt auf, dass ich nur noch etwa 1/4 l in einer meiner Trinkflaschen habe.
Es geht doch wieder vorwärts. Jetzt erreicht mich ein anderer Fahrer. Ich hänge mich in seinen Windschatten. Doch kein großes Problem dranzubleiben. iQué alegría! In Spitze ist auch die Streckenzusammenführung spitze. Die Jedermänner von der Challenge 60 sind aber schon durch. Weitere Fahrer schließen auf und gemeinsam gehen wir auf die Abfahrt. Hier begleitet uns glaube ich wieder ein Fahrzeug. Wieder abgebogen nach Sand. Hier hängen doch einige Fahrer im Anstieg. Ich freue mich über die Dreifachkurbel und fahre mit 30:21 im Sitzen hoch. Die Zuschauer hier sind der Hammer! Da sehe ich meine Familie. Toll, sind sie doch an die Strecke herangekommen! Meine Schwester hat eine große Wasserflasche in der Hand. Ich fahre rüber und rufe mehrmals laut vor Freude "Wasser!", meine zweite Trinkflasche ist inzwischen auch leer. In der Freude bedaure ich im Stillen, nicht bleiben zu können, bekomme die Flasche zu fassen und fahre weiter. Jetzt gleich mehrere Schlucke genommen, das sind bestimmt 1/2 l gewesen. Es gelingt, den Rest noch im Anstieg während der Fahrt in eine Trinkflasche zu füllen und ich gebe die leere Wasserflasche einem Zuschauer.
Welche Freude, jetzt nur noch Bensberg und dann ist es (fast) geschafft! Etwas Nahrung und Getränk noch auf der kurzen Abfahrt, und schon geht es wieder in den Ort. An der Kreuzung schließlich wieder links abgebogen. Wie an den vorhergehenden Anstiegen öffne ich jetzt Jacke und Trikot, es ist doch wärmer geworden. Auf der Bühne spielt eine Band, deren Musik mich motiviert weiterzufahren. Auch hier ist eine dichte Zuschauermenge anwesend, die einen unheimlich motiviert. Auch wenn ich mitunter ein bißchen wie mit Tunnelblick nach dem Motto "einfach nur oben ankommen" hochfahre. Jetzt kann ich noch einen Radsportler ermuntern, dass dies der letzte Anstieg (bis auf die Severinsbrücke) vor dem Ziel ist. Am Anfang der Kopfsteinpflasterpassage komme ich zunächst nicht weiter. Vor mir fährt links neben einem Mitstreiter ein Begleitfahrzeug. Leider vielleicht etwas zu laut frage ich mich, warum es hier entlangfahren muss und komme später zu der Meinung, dass es vielleicht nicht anders geht. Jedenfalls fährt der Fahrer vor mir rechts vorbei und auch ich kann das Auto rechts überholen. Jetzt bin ich gleich oben, noch einmal die Zähne aufeinanderbeißen und dann ist es auch irgendwie geschafft.
Mich überkommt ein Hochgefühl, als ich oben das Kopfsteinpflaster verlasse, nach der Kurve fahre ich kurz freihändig, schließe Trikot und Jacke und weiter geht es. Die kurze Abfahrt und die Gegensteigung sind nicht mehr das Problem. Dann Richtung Kleineichen geht es auf die Abfahrt in einer etwas größeren Gruppe, wir fahren etwa 45 km/h. Ich bin froh, noch so eine flott eingeschätzte Gruppe erwischt und keine Probleme mit dem Tempo zu haben. Obwohl sich kurz vor Bensberg schon Krämpfe angedeutet haben, bleiben diese glücklicherweise aus. Nach Köln fahren wir wohl selten oder nie langsamer als 40 km/h. Wr überholen auch noch ein paar Fahrer. Es ist schön, jetzt so schnell zum Ziel zu kommen. Schließlich geht es auf der Severinsbrücke über den Rhein und in die letzte Kurve. Es sind wieder mehr Fahrer geworden auf den letzten Kilometern, aber kein richtiges Gedränge. Auf der Zielgeraden kann ich noch einmal auf über 40 km/h beschleunigen. Die Uhr über der Ziellinie zeigt 3:32:00 kurz bevor ich darunter durchfahre.
Im Auslaufbereich sehe ich den freundlichen Radsportler wieder. Ich kann dem Durstigen meine noch knapp halbvolle Trinkflasche anbieten, aus der er auch gleich ein paar Schlucke nimmt. Auf dem Rückweg zur Messe über die Severinsbrücke treffe ich meinen Kumpel, mit dem ich die kürzere Strecke zwei Tage zuvor abgefahren bin, mit einem weiteren Kumpel. Sie wirken auch zufrieden und waren nur 95 bzw. 93 Minuten auf der kürzeren Jedermannstrecke unterwegs. Wir fahren gemütlich weiter zur Messe und dort stellt sich heraus, dass ich abgeholt werde! Da freue ich mich wirklich. Meinen Transponder gebe ich zurück und halte vergeblich Ausschau nach Verpflegung. Hier treffe ich meinen kurzzeitigen Begleiter vom Anstieg nach Bechen wieder, wir unterhalten uns kurz über das Rennen. Zur Belohnung trinke ich noch eine Cola und dann geht es heimwärts.
Am nächsten Tag entdecke ich meine Zeit von etwas unter 3 1/2 Stunden im Internet und freue mich darüber, doch insgesamt über fast 116 km eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 33 km/h erreicht zu haben.
PS: Bin an einem Bericht von einem, der 20 Minuten vor mir da war, interessiert.