4. Etappe: TdF-Streckentest
Möglicherweise war es mir am französischen Nationalfeiertag vergönnt, meine Form wieder zu finden. Leider wollten und konnten nicht allzu viele Kollegen mit auf die Suche gehen: Andi laborierte an Muskelkater (!), Basti plagten gesundheitliche Probleme, und Geralf - hatte eigentlich keinen triftigen Grund, blieb aber dennoch mit im Quartier (Ruhetag, pfff...). Lediglich Corny, der gestern wahrscheinlich den schwersten Tag hatte, ging mit mir auf die Reise. Diese führte uns zunächst mal wieder hinab nach
Flumet - mittlerweile beherrsche ich diese Strecke blind - bevor wir uns in Richtung
Megève ganz dezenten Gradienten ausgesetzt sahen. Gerade einmal 200 Höhenmeter bescherte uns dieser erste Mini-Anstieg. Der Montblanc auf der rechten Seite war in den Wolken nur zu erahnen, und auch auf der Abfahrt nach Sallanches zeigte er sich nur zögerlich. Das Bergpanorama mit großen Felsformationen in Richtung Norden war dennoch beeindruckend.
In
Sallanches fand auf dem schicken Marktplatz ein kleines Volksfest statt - Gelegenheit für eine kurze Pause. Das kulturelle Erlebnis darf schließlich nicht völlig untergehen. Ein vermutlich Einheimischer versuchte sich scherzhaft am Diebstahl unserer Räder - wir brachen dann lieber auf, bevor er Ernst machte. Rechts der
Arve fuhren wir auf einer ruhigen, schönen Nebenstraße talwärts Richtung
Cluses. Leider mündete diese Route bald wieder auf die Hauptstraße, und bei knapp 40 km/h bemühten wir uns, diesen Abschnitt schnell hinter uns zu bringen. Mittlerweile wurde der Himmel über uns immer dunkler, und in
Cluses erwischten uns die ersten Regentropfen. Aber um das jetzt - zum Nachteil der Erzählung - nicht unnötig zu dramatisieren: die Ernüchterung war nur von kurzer Dauer und der Regen verflüchtigte sich bald wieder, so dass wir uns dem ersten Scharfrichter des Tages widmen konnten:
Romme. Bei der Tour de France wenige Tage später würde dieser Anstieg eine Vorentscheidung über das Podium bringen, aber das konnten wir zum jetzigen Zeitpunkt bestenfalls erahnen. Beim respektvollen Anblick der ersten Steigungsmeter - 13% - sage ich zu Corny "Fahr mal vor", um ein Foto von ihm und der Rampe dahinter machen zu können. Mein Kompagnon versteht meine Intention scheinbar etwas falsch und attackiert im Stile von Carlos Sastre in den Berg hinein. Das kann natürlich nicht gut gehen, und 300 Meter weiter muss ich mich bereits wieder umdrehen, um ihn zu sehen. Die Straße zieht anfangs mit konstant zweistelliger Steigung an einer senkrechten Felswand entlang, und geradeso zweistellig ist hier auch meine Geschwindigkeit. In einigen Serpentinen geht es weiter hochprozentig bergan, ehe die Steigung in der ersten Ortschaft etwas zurück geht. Hier ist bereits anlässlich der Grand Boucle hübsch geschmückt worden, wie auch in den folgenden Dörfern. In
Nancy-sur-Cluses, etwa bei Halbzeit des Anstieges, wird die Straße wieder steiler und führt einsam über Wald und Wiesen nach oben. Mittlerweile versüßt uns auch wieder die liebe Sonne den Genuss des Bergauffahrens, so dass ich einigermaßen ins Schwitzen komme (glücklicherweise erreichen die Temperaturen nicht das gestrige Niveau).
Bevor es dann doch zu anstrengend wird, kommt der Sattel mit der kleinen Ortschaft
Romme in Sicht, und der letzte Kilometer über einen ausgedehnten Wiesenhang ist bald bewältigt. Der Blick ins Arve-Tal und auf die gegenüber liegenden Berge ist herrlich, die Sicht bessert sich nach und nach. Corny kommt mit Respektsabstand oben, und nach einer Weile und dem obligatorischen Foto am, ähhh, Ortseingangsschild fahren wir weiter. An der scharfen Linkskurve im Ort hätte man gleich wieder halten können, eröffnet sich doch ein atemberaubender Blick in Richtung
Col de la Colombiere, den wir als nächstes erklimmen dürfen. Der Talkessel unter uns, wo die klassische Route auf den Pass verläuft, ist nicht minder schön anzuschauen - ein bezauberndes Fleckchen Erde hier. Hinter Romme folgen zunächst wenige flache Kilometer, bevor die kurze Abfahrt hinab nach
Le Reposoir führt. Hier trennen wir uns wieder, denn es geht erneut bergan - 7,5 Kilometer mit durchschnittlich 8,5 %. Keine leichte Aufgabe, und so kurz nach dem Romme-Anstieg erst recht nicht. Zunächst führt die Straße in einigen Serpentinen aus dem Ort heraus, ehe es längere Zeit durch bewaldetes Gebiet geradeaus geht - direkt auf den Pass zu. Dieser ist nach einer Rechtskurve auf den letzten drei Kilometern praktisch ständig zu sehen, da die Straße nun rechts an einem felsigen Hang entlang stets geradeaus nach oben führt - und bald auch die 10%-Marke dauerhaft knackt. Einfach ist das nicht, aber ich fühle, dass es besser läuft als in den letzten Tagen. Noch die letzte 12%-Rampe weggedrückt, und der Pass ist erreicht. Ich biege gleich links ab auf eine kleine Versorgungsstraße, um dem Trubel zu entkommen. Nach 100 Metern herrscht ausreichend Ruhe, und im Gras sitzend genieße ich den Blick zurück auf den Anstieg, der in seiner ganzen Pracht vor mir liegt. In der Ferne ist Romme zu erblicken, weiter dahinter schneebedeckte Gipfel. Wieder ein Ort, wo es sich aushalten lässt (auf den Pass selbst trifft dies eher weniger zu).
Nach einiger Zeit beginne ich, den Anstieg nach Corny abzusuchen, und irgendwann erblicke ich ihn als kleinen, blau-schwarzen Punkt inmitten der imposanten Felswand. Ich empfange ihn am Pass, wir entern kurz die Gaststätte (an der Theke gibt es einen Zapfhahn mit Leitungswasser für die Radfahrer - natürlich kostenlos), schießen schnell ein Passfoto und begeben uns auf die Abfahrt nach
Le Grand Bornand, wo unserer TdF-Streckentest offiziell endet. Da wir keine Profis sind, müssen wir weiter. Bereits vor
St. Jean de Sixt steigt die Straße wieder leicht an, und in besagtem Ort machen wir noch eine kleine Pause. Corny ist doch sichtlich erschöpft und will den letzten Anstieg, den
Col des Aravis (schon wieder?), ganz in Ruhe hinauf fahren. Das ist zwar vernünftig, aber nichts für mich, und so drücke ich meinem Kumpel noch einen seiner Namensvettern in die Hand und fahre los. Der Anstieg ist von der Anreise einigermaßen bekannt. Der erste Abschnitt bis
La Clusaz ist beinahe flach und auf breiter Straße kein wirkliches Vergnügen, wenngleich der Verkehr erträglich ist. Bei der Ortsdurchfahrt von
La Clusaz gerate ich in einen Fast-Stau, aber aufgrund wachsender Steigung wollte ich hier sowieso langsamer machen. Generell ist man jedoch gut beraten, den Ort zügig zu durchfahren, denn zu sehen gibt es hier erwartungsgemäß nichts Gutes (zum Glück wohnen wir auf der anderen Seite des Passes). Noch 6 Kilometer zum Col des Aravis, die Straße steigt gleichmäßig mit 5-7% an. Hinter La Clusaz überholt mich ein junger, bemerkenswert austrainierter Fahrer, vielleicht 16 Jahre alt, den ich schon auf dem Col de la Colombiere mitsamt Eltern-Betreuerstab gesehen hatte. Er zieht mit einigen km/h Überschuss vorbei, kann dieses Tempo jedoch nicht wirklich halten. Einige Zeit fahren wir dann beinahe gleichschnell mit etwa 100 Meter Abstand nach oben, der Kerl dreht sich ständig um. Aber in der prallen Sonne siegt dann doch meine Vernunft, und ich lasse mich auf kein Duell ein. Schließlich will ich das Ganze ja auch noch ein wenig genießen (mein "Gegner" kommt trotzdem keine 2 Minuten vor mir oben an).
Hinter der letzten Ortschaft wird die Landschaft endlich richtig schön, und in einigen Serpentinen führt die Straße zum Pass hinauf. Diesen Abschnitt kenne ich schon von vor zwei Tagen, heute geht es mir deutlich besser als damals. Es läuft wieder! Glücklich und zufrieden erreiche ich den
Col des Aravis, nun schon zum vierten Mal binnen 72 Stunden. Kurzer Stopp, aber der Col des Aravis ist an einem sonnigen Tag im Juli auch nicht wirklich genießbar, weswegen ich mich bald wieder auf den Weg mache. Nach den bekannten 3 Kilometern Abfahrt erreiche ich unsere Hütte. Tür auf - keiner da. Erst nach einigen Sekunden entdecke ich Andi, der vor mir auf dem Boden liegend seinen Muskelkater wegzudehnen versucht. Fast wäre ich über ihn gestolpert. Geralf und Basti sind auf einer kleinen Wanderung. Ich sage zu Andi "Gute Nachrichten: ich bin wieder da!" und freue mich auf die nächsten Radtouren.
Checker hat dieses Bild (verkleinerte Version) angehängt:
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Im Herbst 1972 verkündete Präsident Nixon, die Beschleunigungsrate der Inflation nehme ab. Dies war das erste Mal, daß ein amtierender Präsident zugunsten seiner Wiederwahl die dritte Ableitung ins Feld führte. (Hugo Rossi)
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Checker: 04.11.2009 08:00.