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Zum Ende der Seite springen Nikis nächtliche Touranalyse
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18.07.2005 02:11

Niki2000
Fortunafan

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Dabei seit: 02.01.2002
Herkunft: Düsseldorf
Fan von: FORTUNA DÜSSELDORF, Ipswich Town, Christophe Agnolutto, Tadej Valjavec

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Nikis nächtliche Touranalyse

Jetzt hatte ich wochenlang kein Internet und nun endlich über Umwege das Forum wiedergefunden. Das gab mir aber die Möglichkeit, die Tour endlich mal ohne Forenbeeinflussung zu gucken. Folgendes ist dabei herausgekommen:

Ich war noch nie ein großer Freund von complaining Jan. Ich war immer eher ein Feind des übermenschlichen Texaners. Ein anderes jubelndes Gesicht in Paris, ein Fehler dieser Maschine. Aber wie in all den Jahren zuvor, ist auch dieses Jahr der Wunsch ein Traum geblieben. Ich hatte es Jan sowieso nicht zugetraut, eher Vino, aber auch der hat es nicht drauf. Beim Giro spekulierte ich noch auf Basso, aber auch der kann eben nur mitfahren. Und so gewinnt mal wieder der Motivierteste. Jeden Juli der gleiche Frust!

Vom Prolog habe ich genau vier Kilometer gesehen. Ich schaltete gerade ein, da sagte Hagen Bossdorf: "Wir zeigen ihnen diese Situation nun aus allen erdenklichen Perspektiven." Der Ton war vor meinem Fernsehbild wahrnehmbar und ich ahnte schon, was er mit "diese(r) Situation" meinen könnte. 11 Monate hoffen auf eine Schwäche des Giganten oder eine gute Form eines anderen. Und dann fährt er beinahe eine Minute auf alle raus. Auf alle bis auf einen - den Bergspezialisten Zabriskie, der sich wenige Tage später auch noch selbst abräumt. Schon an diesem Tag, habe ich beschlossen, meine Augen während dieser Tour nur noch auf Mancebo zu richten und mir bei den "Ich gucke mal wie die Beine werden", "Ich bin zufrieden und freue mich, dass es losgeht" oder "Die Tour ist erst in Paris zu Ende" Interviews mit dem "medienwirksamen" Jan Ullrich die Ohren zuzuhalten.

Jan Ullrich ist schon auf dieser ersten Etappen seinen eigenen Ansprüchen hinterhergelaufen. Natürlich kann man sagen, fast alle anderen hätte Armstrong auch überholt. Aber wollte Jan nicht besser sein als all diese anderen - inklusive Armstrong? Aber wir sind froh, dass es endlich losgegangen ist.

Auf den folgenden Etappen entwickelt man sich als deutscher Fernsehzuschauer (Peter Leissl und Rolf Aldag sind übrigens klasse, Bossdoof und Wasserschlott eher weniger) zum Allroundfan. Da wird zunächst den Ausreißern der Daumen gedrückt, dann CSC beim MZF und anschließend Robert "ich habe einen Etappensieg drin" Förster. Man jubelt bei Weenings Attacke in den Bergen und trauert am Ende doch mit Bohnenstange Klöden um die verpassten 9,6 Millimeter. Man reagiert eher gleichgültig auf Bernuccis Coup, der wohl nur ein weiterer in der Geschichte der Zufallssiege à la Bertogliati ist. Man baut einen Schrein für den alten Wolf, um diesen zwei Tage später schluchzend wieder abzubauen und man wartet irgendwie doch gebannt auf die Berge.

An Silvester gucke ich jedes Jahr mindestens ein Mal die Geschichte von Miss Sophie und James. Was Lance und seine Gehilfen in ihrer Version von Dinner for One ihren Tourgästen einschenken, bleibt ein - zugegeben wirkungsvolles - Geheimnis. Ullrich mimt wie jedes Jahr den Angeschlagenen, Vino blufft sich schlechte Beine und kassiert fünf Minuten und am Ende muss Lance nicht mal durchziehen, um Gelb zu übernehmen. Basso enttäuscht auch, nur Mancebo, dem kann ich zujubeln.

Hatte man in Gerardmer noch Hoffnung und glaubt auf seine naive Art doch noch an die Pyrenäen, so wird man nach dem Motto "Same Procedure as every year" eines Besseren belehrt. Ullrich fühlt sich super und ist trotzdem nicht mal der Beste hinter Armstrong und nicht nur T-Mobile lässt sich mal wieder zerlegen. Basso schließt einen Nichtangriffspakt mit Lancelot und Moreau, der in der ersten Woche so gut ausschaute, markiert doch wieder den heldenhaften Versager. Von Menchov, Mayo, Heras und wie sie alle heißen ganz zu schweigen.

Valverde, sicher auch nicht in der Lage Lance ernsthaft zu gefährden, aber immerhin mit einem Etappensieg gesegnet, muss von gaffenden Kameras in den Teamwagen steigen, schade für ihn und eine anwidernde Schande für den Journalismus.

Die einzige Freude bereiten einem die Jubelszenen der Männer Moncoutié und Totschnig. Aufstehen, Applaudieren, Salutieren. Zwei wunderbare Etappen mit absolut sympatischen Gewinnern. Die Franzosen haben ihren Nationalhelden und auch für T-Mobile ist die Tour mit dem Etappensieg von Vino zufriedenstellend verlaufen, so sagen zumindest alle.

Und ich denke nur, ob ich mich da verhört habe. Zufrieden? Ein Team, das vorher offenherzig das Ziel Toursieg bekundet gibt sich mit aktuell einem Etappensieg und den Plätzen Vier, Acht und Zehn zufrieden? Ein Jan Ullrich, der groß dafür plädiert Lance bei seinem letzten Auftritt im Franzland schlagen zu wollen, ist mit inzwischen sechs Minuten Rückstand zufrieden? Ein Vinokourov, dieser sympatische Kasache, der Jan Ullrich gar als Kapitän ablösen wollte ist mit zehn Minuten Rückstand und einigen erzeugten "Missverständnissen" zufrieden? Ein Klöden, Vorjahreszweiter, ist mit Platz zehn zufrieden? Ein Sevilla und ein Guerini sind mit zweitklassigen Helferdiensten zufrieden? Oder ein Kessler, der nach zwei Meter am Berg in der Führung den Geist aufgibt ist damit zufrieden?

Ich gehe jetzt unzufrieden schlafen in meinem Bett im zufriedenen Deutschland. Auf zur neuen Hoffnung, dass der Texaner doch noch einbricht, denn darauf muss T-Mobile ja nur warten.




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