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Geschrieben von Wolfzge am 07.07.2003 um 21:20:

Text Holczer's Tour Tagebuch

Die Tour de France hat am Wochenende begonnen, mit viel Schwung und einem Massensturz. Keine Frage: Es geht turbulent zu - auch im Tour-Tagebuch, das Hans Holczer, Chef des Herrenberger Profi-Teams Gerolsteiner, exklusiv für die "Gäubote"-Leser schreibt. Diesmal geht es um Hermann Maier, Katharina Witt und den Orientierungssinn von US Postal.




Samstag, 5. Juli


Der Tag beginnt aufregend. Als alle schon bereit sind, im Konvoi Richtung Pariser Innenstadt zum Start des Prologs aufzubrechen, fehlt plötzlich der Autoschlüssel unseres Sportlichen Leiters Christian Henn. Die Suche bleibt zunächst erfolglos, wir beginnen hektisch, die wichtigen Dinge aus seinem Kofferraum umzuladen. Bis jemand aufs Dach seines Autos schaut - dort liegt der Schlüssel und grinst uns an. So etwas passiert nur bei der Tour, da kann man noch so gut vorbereitet sein. Wir finden schließlich doch noch unseren Platz im Konvoi, unsere Art-Direktorin Renate Holczer dirigiert alles glänzend. Es lohnt sich: Vom optischen Eindruck her gehören wir hier sicherlich aufs Treppchen.


Weil unser Österreicher Peter Wrolich, den ich wegen einer Verletzung nicht nominieren konnte, ein Kumpel von Hermann Maier ist und mit diesem hin und wieder gemeinsam trainiert, hat der österreichische Ski-Star vor ein paar Tagen bei mir angerufen, ob er nicht mit einem Rad von uns den Prolog eröffnen könne. Er ist dort gewissermaßen der Streckentester. Es hat dann zwar doch nicht geklappt mit einem speziellen Gerolsteiner-Zeitfahrrad für ihn, der Kontakt zu Hermann Maier aber besteht seither. Er hängt sich nun an uns dran, sitzt bei uns im Auto und freundet sich auch gleich mit Michael Rich an. Logisch, beide sind die gleichen Bären, passen entsprechend gut zusammen. Weil sie Hermann Maier bei uns entdeckt, kommt auch noch die ehemalige Eisprinzessin Katharina Witt vorbei. Besser kann man es nicht treffen, schließlich sorgt das für ordentlich Aufregung am Gerolsteiner-Standort. Das macht optisch einiges her. Wie auch Katharina Witt. Wenn ich allerdings jetzt beschreibe, wie sie aussieht, bekomme ich Ärger mit meiner Frau. Lassen wir`s also lieber.




Sonntag, 6. Juli


Die Beschilderung zum Start der ersten Etappe am Stade de France in Paris ist etwas dubios - und wenig hilfreich. Ich denke, ich bin mal so frech und wage es, nicht weiter den Autos vom US-Postal-Team von Lance Armstrong hinterherzufahren und versuche es auf eigene Faust. Den kürzesten Weg finde ich dabei sicherlich nicht, zumal auch noch eine entscheidende Ausfahrt gesperrt ist. Die Befürchtung, als letztes Team (oder vielleicht sogar zu spät) zum Start zu kommen, bewahrheitet sich indes dankenswerterweise nicht. Ganz im Gegenteil. Als wir da sind, fehlen noch einige Mannschaften. Zum Glück auch US Postal. Ansonsten hätte ich mir von meinen Jungs einiges anhören müssen.


Die erste Etappe verläuft ruhig, zumindest bis zu dem grausigen Massensturz. Probleme habe ich trotzdem. Ich bekomme im Auto ständig die Fehlermeldung, mit meinem Airbag stimme etwas nicht. Weil dies bei einem Fiat bekanntlich unmöglich ist, muss irgendetwas anderes nicht stimmen. Als die Übertragung in Radio beginnt, weiß ich auch, was falsch läuft: Ich habe immer wieder starke Aussetzer beim Funk, manchmal verstehe ich gar nichts. Weil alle wichtigen Infos zum Rennen und alle Anweisungen der Organisatoren über Funk kommen, bin ich aufgeschmissen. Ich habe keine Ahnung, was läuft. Logisch, dass ich damit nicht zufrieden sein kann. Nach dem Rennen stehe ich über eine Stunde an der offiziellen Tour-Tankstelle. In dieser Zeit ist nicht mal für einen einzigen Augenblick eine der vielen Zapfsäulen leer. Der Fuhrpark rund um dieses Rennen ist unglaublich groß. Eine 20-köpfige Crew kümmert sich um die Pflege der Autos und Motorräder der Mannschaften, Organisatoren und Sponsoren, die Waschstraße ist ständig belegt. Ein Mechaniker verlegt die Kabel meiner Funkanlage in der Rückenlehne des Fahrersitzes noch einmal. Zudem bekomme ich eine neue Antenne. Ich bin jetzt auf Draht. Hoffentlich sind es meine Fahrer morgen auch.

GB Herrenberg



*PS: Da ich das normalerweise per Mail zugeschickt bekomme und es einen Link in der Regel nicht gibt....wird es voraussichtlich Lücken geben, da ich einige Zeit auf Reise bin..sorry...Augen rollen ...



Geschrieben von Inga am 07.07.2003 um 21:30:

 

prima... Dein Durst kann was erleben

Zitat:
Ich bekomme im Auto ständig die Fehlermeldung, mit meinem Airbag stimme etwas nicht. Weil dies bei einem Fiat bekanntlich unmöglich ist, muss irgendetwas anderes nicht stimmen.
tja....



Geschrieben von Wolfzge am 08.07.2003 um 20:30:

Augenzwinkern

Beim Radrennen gibt`s eben Stürze


An sich ist es eine ganz normale Flachetappe gewesen bei der Tour de France, nicht aber für das Herrenberger Profi-Team Gerolsteiner. Zwei Stürze sorgten gestern beim zweiten Teilstück für Aufregung - und beschäftigen Chef Hans Holczer auch in seinem Tour-Tagebuch.




Montag, 7. Juli


Jeden Tag spüre ich mehr, dass die Tour de France etwas ganz Besonderes ist. Als ich am Start in La Ferte-Sous-Jouarre aus dem Auto aussteige, bin ich sofort von Dutzenden Journalisten und einigen TV-Kameras umringt. Alle wollen wissen, wie es Davide Rebellin und Olaf Pollack geht, die am Vortag gestürzt sind. Kein Wunder, das Rad von Davide Rebellin hat richtig abgewrackt ausgesehen, zum Glück ist das viele Blut, das am Rahmen klebte, nicht von ihm gewesen. Unseren beiden Fahrern ist zum Glück nichts passiert. Die Etappe verläuft zunächst ruhig, dafür hat Klaus Tünnemann seinen großen Auftritt. Unser Physiotherapeut wird minutenlang live in der ARD interviewt, während er im Verpflegungsabschnitt auf unsere Fahrer wartet. Tünnemann ist früher beim RSV Öschelbronn unter meiner Regie selbst Radrennen gefahren, inzwischen im Gerolsteiner-Team angestellt und einer der vielen Helfer, ohne die eine solche Rundfahrt nicht zu schaffen wäre. Während ich gerade mit dem "Gäubote" telefoniere, stürzt vor mir Uwe Peschel, reißt sich die Hose auf. Kurz darauf erwischt es Olaf Pollack. Schon wieder wir, denke ich, das ist doch Käse. Letztlich aber hat dies alles weder mit fehlender Erfahrung noch mit der Tour de France an sich etwas zu tun. Es ist eben ein Radrennen - und da passieren Stürze. Abends schauen wir das Video an, das Christian Henn von der Strecke des Mannschafts-Zeitfahrens gemacht hat. Hoffentlich geht`s am Mittwoch ohne Sturz ab


PS*....ich äh.. würde mal behaupten, das Herr Holczer das in Reinform bringt..der Verdacht eines bezahlten Ghostwriters fällt jedenfalls aus...sad but true, und das ist doch schon mal was wert...



Geschrieben von Wolfzge am 09.07.2003 um 19:00:

cool

Dienstag, 8. Juli


Ich treffe meinen alten Freund Rudi Altig. Wir reden über den enormen Auftrieb der Medien bei der Jubiläums-Tour. Er kennt sich genau aus und berichtet von allein 73 Kamera-Teams, die berichten. Ich habe das Gefühl, die stets so hoch gelobten Organisatoren sind mit dieser Menge an Leuten etwas überfordert. Diesmal benötigen wir über eine halbe Stunde, um vom Ortsrand zum Start zu kommen. Auf dem uns zugewiesenen Platz stehen zwei Pfosten so eng beieinander, dass bei dem Verkehrsgewühl schon ein echter Könner nötig ist, um den Mannschafts-Bus unfallfrei einzuparken. Zum Glück haben wir den Herrenberger Stefan Halanke dabei. Er schafft es. Kein Wunder, ist ja auch ein Fahrlehrer.


Das ZDF strahlt einen ganz besonderen Beitrag aus. Erstmals hat ein Fernseh-Team eine Mannschaftssitzung von uns gedreht ("Peschel, du störst"). Ich hoffe, der Film kommt gut rüber, obwohl Udo Bölts meine Taktik, im Sprint für Olaf Pollack zu fahren, nicht richtig fand und vorschlug, doch lieber zu tauschen und für René Haselbacher zu fahren. Das hätte er mir auch hinterher sagen können, nicht vor laufenden Kameras. Dass die Fernsehleute sich darauf stürzen, wenn der erfahrenste deutsche Tour-Fahrer so etwas sagt, ist doch klar. Doch letztlich entscheidet ohnehin der Sportliche Leiter.



Geschrieben von Crisanto am 09.07.2003 um 19:15:

 

Zitat:
Original von Wolfzge
Dienstag, 8. Juli


... Das ZDF strahlt einen ganz besonderen Beitrag aus. Erstmals hat ein Fernseh-Team eine Mannschaftssitzung von uns gedreht ("Peschel, du störst"). Ich hoffe, der Film kommt gut rüber, obwohl Udo Bölts meine Taktik, im Sprint für Olaf Pollack zu fahren, nicht richtig fand und vorschlug, doch lieber zu tauschen und für René Haselbacher zu fahren. Das hätte er mir auch hinterher sagen können, nicht vor laufenden Kameras. Dass die Fernsehleute sich darauf stürzen, wenn der erfahrenste deutsche Tour-Fahrer so etwas sagt, ist doch klar. Doch letztlich entscheidet ohnehin der Sportliche Leiter.


Ich lese Holczers Tagebuch recht gerne, wie überhaupt Gerolsteiner bei mir sehr sympathisch rüberkommt.
Daß aber Holczer sich dazu breitschlagen ließ, durch das ZDF die Mannschaftsbesprechung filmen zu lassen, finde ich absolut unprofessionell, ja gewissermaßen sogar dilettantisch. Und den Udo dafür zu rüffeln, daß er - wie ich meine auf sehr diplomatische Weise - die Sprinttaktik angesprochen hat, ist irgendwie auch nicht die feine Art.
Gerolsteiner und insbesondere Holczer wären gut beraten, derartige Filmaufnahmen nicht mehr zuzulassen.
ziehe den hut Crisanto ziehe den hut



Geschrieben von karteikarte am 09.07.2003 um 19:19:

 

Zitat:
Original von Wolfzge
Auf dem uns zugewiesenen Platz stehen zwei Pfosten so eng beieinander, dass bei dem Verkehrsgewühl schon ein echter Könner nötig ist, um den Mannschafts-Bus unfallfrei einzuparken. Zum Glück haben wir den Herrenberger Stefan Halanke dabei. Er schafft es. Kein Wunder, ist ja auch ein Fahrlehrer.



Dafür fuhr Holczer an besagtem Ort wie ein kleiner Michael Schumacher Jörg Ludewig
Rückwärts fuhr er mit einem derartigen Affentempo auf die Absperrgitter zu, so dass die dort stehenden Zuschauer vor lauter Schreck sofort ein paar Schritte zurückgingen. rolling on the floor laughing



Geschrieben von abcpflaster am 09.07.2003 um 19:21:

 

Trotzdem war "Peschel, du störst" der Spruch des Jahrhunderts - wollen wir T-Shirts drucken lassen?? vor Lachen kugeln

Klasse auch der heutige Spruch über Pollack & Haselbacher in der Dusche: "Der Sprinter duscht seinen Anfahrer" vor Lachen kugeln



Geschrieben von Raktajino am 09.07.2003 um 19:29:

 

wer hat "peschel, du störst" gesagt? und in welchem zusammenhang? klärt mich auf, bitte!



Geschrieben von Inga am 09.07.2003 um 19:46:

 

holczer während der teambesprechung als peschel meinte mit seiner startnummer herumrascheln zu müssen Augen rollen



Geschrieben von abcpflaster am 09.07.2003 um 19:55:

 

Zitat:
Original von Inga
holczer während der teambesprechung als peschel meinte mit seiner startnummer herumrascheln zu müssen Augen rollen


was, genau genommen, ein kapitalverbrechen ist großes Grinsen

wenn holczer allerdings schon von peschel´s mini-raschel-geräuschkulisse genervt war, dann kann er froh sein, dass er in den radsport gegangen ist und nicht mein mathe-grundkurs-lehrer geworden ist. ich versuchte nämlich vier semester lang, mir in mathe durch sprachübungen einen sächsischen dialekt anzueignen.... Jippieh!!! Jippieh!!! Jippieh!!! Jippieh!!!



Geschrieben von Raktajino am 09.07.2003 um 19:58:

 

lol! großes Grinsen

abc, versuch es lieber gar nich erst...... großes Grinsen zumal sich ein sächsischer dialekt nich wirklich lohnt... *herumrätsel*



Geschrieben von abcpflaster am 09.07.2003 um 20:01:

 

zu spät! ich würde sagen, nach englisch ist sächsisch meine zweitstärkste fremdsprache zahnlos zahnlos



Geschrieben von Raktajino am 09.07.2003 um 20:03:

 

na dann bleibt mir nur noch zu hoffen dass du wenigstens nen muttersprachler als sächsischlehrer hattest großes Grinsen



Geschrieben von abcpflaster am 09.07.2003 um 20:07:

 

nö, ich habe das eher autodidaktisch gemacht. mein lehrkörper an der tafel war mit seiner kurvendiskussion beschäftigt und konnte auch kein sächsisch.
daher gehe ich davon aus, dass meine sprachkenntnisse auch nicht sonderlich "naturgetreu" sind. hier im norddeutschen, sprachlich unversauten raum sind sie allerdings ne echte rarität und recht beliebt. fröhlich



Geschrieben von Wolfzge am 10.07.2003 um 15:37:

smile

Die vierte Etappe - ein Mannschaftszeitfahren von Joinville nach Saint-Dizier - schien eigentlich wie gemalt zu sein für das Team Gerolsteiner. Hernach notierte Teamchef Hans Holczer immerhin ein "zufrieden" in sein Tour-Tagebuch.




Mittwoch, 9. Juli


Eigentlich war der Sturz von René Haselbacher für mich und die Mannschaft anderntags abgeschlossen. Im Spurt hat`s einfach nicht gepasst und basta! Doch in der Medienarbeit haben wir einfach unterschätzt, dass der gute Meister Robbie McEwen ganz anders gefragt wird als unsereins. Der wird gleich gefragt, worin seine Schuld lag. Da hab` ich entschieden, dass wir nun gegen die Vorwürfe des Australiers wiederum reagieren müssen. Also Presseerklärung raus! Wobei ich da um die Psyche von unserem "Hasel" gar nicht so besorgt bin, denn der ist nicht so zart besaitet.


Morgens haben wir eine Stunde lang locker auf das Mannschaftszeitfahren trainiert, die Stimmung war gut. Leider konnte ich das Mannschaftszeitfahren am Nachmittag nur acht Kilometer lang genießen, dann brachte Torsten Schmidts Platten alles durcheinander. Vorher haben wir abgesprochen, dass wir alle zusammen weiterfahren, aber der Torsten hat selbst gesagt: Es kostet zu viel Zeit. Letztlich habe ich entschieden, dann ohne ihn weiterzufahren. Aber wir waren schon aus dem Rhythmus, aus dem Konzept, das hat uns sicherlich 20 bis 25 Sekunden gekostet.


Nachher haben wir uns aber noch glänzend verkauft, das hat von hinten richtig gut ausgesehen. Und letztendlich sind wir doch noch dort gelegen, wo alle anderen auch liegen. Enttäuscht bin ich trotzdem, denn der von mir anvisierte einstellige Platz wäre heute doch möglich gewesen. Aber wir haben eben nochmal Pech gehabt. Übrigens auch mit unserem Hotel: Hier in der Champagne ist absolute Provinz und größere Unterkünfte Mangelware. Wir mussten heute morgen ganze 148 Kilometer zum Start zurücklegen und abends natürlich wieder zurück. Das nervt. Morgen sind wir dafür direkt am Start untergebracht. Davide Rebellin und Georg Totschnig haben bislang nicht zu viel Zeit verloren und gezeigt, dass sie in einer vernünftigen Form sind. Ich bin zufrieden und ich weiß: Die Tour ist noch lang!


PS*: Wenn ich morgen früh genug aus den Federn komme, gibt's vielleicht den Do auch noch, ansonsten war's das mal für's erste..
CU
Ballons



Geschrieben von Wolfzge am 19.07.2003 um 10:42:

cool Bruch....

stücke..so geht's weiter...


Dass der Stress eines Teamchef-Daseins bei der erstmaligen Tour-de-France-Teilnahme enorm sein kann, ist dem Tour-Tagebuch Hans Holczers zu entnehmen - exklusiv für den "Gäubote".




Samstag, 12. Juli


Uns steht ein langer Samstag bevor, nicht nur weil die siebte Etappe nach Morzine die weiteste Distanz aufweist. Der Gerolsteiner-Geschäftsführer Jörg Croseck und weitere Führungskräfte haben sich angekündigt. Bis in die Nacht hinein gibt es da einige wichtige Besprechungen zu führen. Natürlich kommt da auch das Aus für den Olaf Pollack und Michael Rich zur Sprache. Wobei ich als Teammanager schon unseren Sponsor vorher darüber ins Bild gesetzt habe, dass wir mit dem Einsatz der beiden ein kalkuliertes Risiko eingehen werden. Da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Auf der Strecke nach Morzine fahren wir auch an einer Gerolsteiner Fankurve vorbei, verdutzt erkenne ich Eugen Krauss aus Gültstein, streck` ihm meinen Arm hin. Der lässt vor lauter Begeisterung gar nicht mehr los und hätte ihn mir schier rausgerissen. Dass ich allerdings zweieinhalb Stunden vergeblich auf der Suche nach dem ausgestiegenen Michael bin, nervt unwahrscheinlich. Wir haben nicht gemerkt, dass er im Schlusswagen an uns vorbeigebraust ist. In der Zielankunft sehe ich nur irgendwelche Leute mit seinem Rad spielen. Zumindest das Rad, denke ich, aber auch beim Tour-Sekretariat wartet er nicht. Dann der erlösende Anruf, er ist schon im Hotel.




Auf der Königsetappe hoch nach L`Alpe d`Huez sitzt Geschäftsführer Jörg Croseck bei mir mit im Wagen. Er ist restlos begeistert. Auch mich lässt diese Menschenmenge an den Aufstiegen zu Col du Galibier und dem berühmten Schluss-Stück nicht kalt. Rund 602000 Menschen sollen laut Fernsehinformation zugeschaut haben. Das sollten die Stammtischleute mal mitkriegen, die bei jedem zweiten Mal Radsport mit Doping in Verbindung bringen. Wir haben hier drei Millionen Leute an der Strecke, ein Riesenauflauf, ohne Schlägerei, ohne Polizeieinsatz. Da muss man mir erstmal einen Sport zeigen, der so begeisternd und friedfertig abläuft. Auf einmal trau` ich meinen Augen nicht: Da vorne, hoch zum Col Du Galabier steht mein erster Radtrainer, Gerhard Eipper aus Öschelbronn. Hier trifft man wirlich jeden Tag etliche Bekannte.


Allerdings kann ich die Sache nicht ganz genießen, an der Autobahnzahlstelle hoch nach Morzine kam ich Samstag nicht mehr zum Tanken. Nach Alpe d`Huez fahre ich nur noch auf Reserve hoch. Nicht auszudenken, wenn wir liegenbleiben. Obwohl wir an diesem Tag außer Georg Totschnig nichts gerissen haben, will nach Rennschluss die ARD noch ein Feature mit mir drehen, zu einer Udo-Bölts-Story: Der alte Mann und der Berg oder so ähnlich. Ich zeige ihnen im "Club Med" sein Zimmer ­- Udo ist nicht da. Gerade bei der Massage. Bitteschön meine Herren hier ist er - Licht aus, Spot an! Im Lift muss ich schmunzeln: Meine Zimmernummer 301 hab` ich mir so gut gemerkt, dass ich die Zahlenkombination in die Liftanlage eingebe - Einen solch hohen Stock gibt`s natürlich nicht. Ich glaube, so langsam schafft sie mich auch ein bisschen - diese Tour de France.



Geschrieben von Wolfzge am 19.07.2003 um 10:44:

  .....

...... verletzt sein ......

Die Medienarbeit ist für einen Rennstall-Leiter wie Hans Holczer zwar nicht das Allerwichtigste bei der Tour de France, aber wichtig genug, wie er in seinem Tour-Tagebuch befindet.




Dienstag, 15. Juli


Heute morgen muss ich früh raus. Nicht wegen der Vorbereitungen auf die Etappe, sondern wegen des Frühstücksfernsehens in ARD und ZDF. Es ist eine Liveschaltung, die auch hervorragend klappt. Eingestiegen wird wie immer mit meinem früheren Beruf des Lehrers, was mir natürlich auch entgege nkommt. Was ich da für meine jetzige Arbeit rübernehmen kann, ist beispielsweise so eine dankbare Frage. Ich erzähle etwas übers eigene Team, nehme Stellung zu Belokis unglücklichem Sturz. Und es gefällt mir schon, wenn man hinterher von allen Seiten sagt, ich sei gut rübergekommen.


Auch nachmittags während des Rennens ist da einiges möglich. Gerade spreche ich mit dem "Gäubote", als ich unterbrechen muss - fürs ZDF: Livekommentar zum Rennverlauf per Telefon. Was prompt etwas zu lange dauert: Ich muss Trinkflaschen rausgeben, Ende des Gesprächs. Inzwischen stehen wir, was die Medienpräsenz angeht, ganz gut da. Auch wenn sich viele natürlich auf Jan Ullrich und das Bianchi-Team stürzen. Nur: Wenn dieser saudumme Platten beim Teamzeitfahren nicht gewesen wäre, könnte es für uns halt noch besser aussehen.


Deshalb gebe ich morgens wieder die alte Parole aus: Wir wollen bei so vielen Entscheidungen wie möglich dabei sein. Christian Henn versucht zu bremsen, alle wären doch ziemlich müde. Doch das ist mir egal. Heute fällt eine Entscheidung in der Gruppe, sage ich, das weißt auch Christian - und da wollen wir dabei sein. Mittags macht es René Haselbacher in seiner Gruppe hervorragend, auch wenn er hernach enttäuscht ist, nicht ganz vorne gelandet zu sein.


Wir steigen nach der Zielankunft sofort in den Mannschaftsbus und fahren die 300 Kilometer nach Narbonne, dem nächsten Startort. Wohl eine Fahrt von dreieinhalb Stunden. Aber es gilt, den morgigen Ruhetag voll zu nutzen, da können wir nicht einen Tag für den Transfer verplempern. Und für mich gibt`s morgen kein Frühstücksfernsehen. Vielleicht kann ich dann ja mal ausschlafen.



Geschrieben von Wolfzge am 19.07.2003 um 10:46:

Augenzwinkern

Pause bei der Tour de France. Einen Tag lang. Ausspannen? Ausruhen? Nicht für Hans Holczer. "Das habe ich mir anders vorgestellt", sagt der Chef des Herrenberger Profi-Teams Gerolsteiner. Warum er keine Ruhe hatte am Ruhetag, steht in seinem Tour-Tagebuch.




Mittwoch, 16. Juli


Nachts um 2.30 Uhr rennt Marcus Zberg immer noch über den Gang. Es ist heiß hier. Viel zu heiß. Und die Klimaanlage, sofern sie funktioniert, brummt viel zu laut. Schlafen kann hier kaum jemand richtig. Es ist grausam. Unser Hotel liegt mitten in der Innenstadt von Narbonne. Die Mechaniker müssen auf dem Gehweg schrauben. 300 Meter sind es bis zum Start der nächsten Etappe am Donnerstag. Erstmals sind wir so nahe dran. Und das ausgerechnet am Ruhetag, wenn wir es nicht brauchen. Andere Mannschaften sollen in einem Golf-Resort untergebracht sein. Mit Swimming-Pool. Das hört sich nach Erholung an. Mir und meinen Jungs wäre es angesichts dieser Umstände fast lieber gewesen, eine Etappe zu fahren. Einer unserer Masseure sagt, beim Giro d`Italia hätte es ihm vom Ambiente her viel besser gefallen. Er hat Recht.


Ich wasche meine Wäsche, verbringe den Morgen ansonsten mit langen Gesprächen mit Journalisten und danach bei einem zauberhaften Essen, das unsere Köche regelrecht zelebriert haben. Anschließend klingelt wieder das Handy, während im Hotel ZDF und SWR drehen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist es fünf. Ich lege mich zu einem Nickerchen hin, bin kurz vor dem Einschlafen, als es an der Tür hämmert. Der Weltverband macht stichprobenhafte Dopingkontrollen bei den ersten 20 Fahrern der Gesamtwertung. Also auch bei Georg Totschnig. Ruhe ist etwas anderes. Andererseits: Lieber eine solche Dopingkontrolle, als nicht unter den Besten zu sein.



Geschrieben von Wolfzge am 19.07.2003 um 10:47:

cool

Ein Sportlicher Leiter als Fremdenführer und VIP-Betreuer? Auch das gehört zu den Aufgaben von Hans Holczer, Chef des Herrenberger Profi-Teams Gerolsteiner, bei der großen Schleife durch Frankreich - steht zumindest in seinem Tour- Tagebuch.




Donnerstag, 17. Juli


Wir haben Besuch. Weltklasse-Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist da. Sie hat einen festen Händedruck. Sportlerin eben. Und sie mag Espresso. Wir machen einen guten. Kein Wunder also, dass es ihr in unserem Bus gefällt. Gerolsteiner hat sie eingeladen, eine Etappe direkt hinter dem Feld zu erleben. Ich fahre heute das zweite Auto. Schade, eigentlich. Pech mit Pechstein. Ich habe stattdessen den Gewinner einer Verlosung von Radio Köln im Auto. Kein wirklicher Trost. Hinterher erzählt Claudia Pechstein live im ZDF, es habe ihr sensationell gut gefallen. Abgesehen von den Momenten, in denen Christian Henn richtig Gas geben musste. Ein Radrennen hat immer auch ein bisschen was von der Nordschleife des Nürburgrings.


Bei der Tour de France ist ein Sportlicher Leiter stets gleichzeitig Fremdenführer. Heute sind vier Leute von einem unserer Sponsoren zu Gast. Sie machen einen Ausflug, ich zeige ihnen unseren Bus und Lkw. Mein Kollege Reimund Dietzen ist sogar den ganzen Tag damit beschäftigt, VIPs zu betreuen, vom nächsten Flughafen abzuholen und sie dort wieder hinzubringen. Gerade heute sind eine Unmenge von Leuten unterwegs, die mit dem sportlichen Geschehen eigentlich nichts zu haben. Was Verkehr und den Zuspruch von Interessierten angeht, ist die Tour de France an ihrer Grenze angekommen. Oft regiert das Chaos.


Schuldlos sind die Organisatoren freilich dafür, dass sich unser Busfahrer verfährt. Joachim Halanke, der seinen Bruder Stefan abgelöst hat, verpasst eine Abfahrt und landet am Flughafen. Eineinhalb Stunden benötigt er für fünf Kilometer. Udo Bölts tobt. Aber hier geht es so drunter und drüber, dass dies schon mal passieren kann. Schließlich wird bei der Tour nicht nach Verkehrsregeln gefahren, sondern nach dem Motto: Wer am wenigsten Angst und die lauteste Hupe hat, kommt am besten voran. Auch die Autos fahren ein Rennen aus. Wenn auch ohne Gesamtwertung und Gelbes Trikot.



Geschrieben von Wolfzge am 19.07.2003 um 10:49:

Zunge raus!

Recht schnell erfüllt hatte Hans Holczer, Chef des Herrenberger Profi-Teams Gerolsteiner, seine Aufgaben beim gestrigen Zeitfahren bei der Tour de France. Danach war endlich mal Entspannung angesagt. So ist es zumindest in seinem Tour-Tagebuch nachzulesen.




Freitag, 18. Juli


Wieder kein Ausschlafen. Zu früh beginnt der Tag. Um 7.15 Uhr werden alle fünf Teams in unserem Hotel zur Blutkontrolle gebeten. Das ist zwar bald, aber in Ordnung. Ich bin ganz klar für möglichst viele Dopingkontrollen. Beim Zeitfahren sitze ich im Auto hinter Uwe Peschel. Ich brülle ganz anständig, um ihn anzutreiben. Das hilft nicht bei allen Fahrern, aber er braucht das. Diese Teamarbeit ist über Jahre erprobt. Nach dem Rennen habe ich frei, fahre die 100 Kilometer zurück ins Hotel. Ich gehe an den Pool, aber im Freien ist es viel zu heiß. Bei einem Bier schaue ich mir zusammen mit dem einen oder anderen Sponsor live in der ARD an, wie das Zeitfahren ausgeht. Es ist total relaxt hier. Solche Momente gibt es nicht viele bei der Tour de France. Da passt es, dass wir ein tolles Zeitfahren hinlegen. Schade, dass Michael Rich nicht mehr dabei ist. Ich hätte ihm eine ebenso gute Leistung wie Uwe Peschel zugetraut. Doch auch so dürfen wir zufrieden sein. Das nächste Fernseh-Interview steht an. Ein paar Leute vom ZDF haben mir neulich halb im Spaß, halb im Ernst angeboten, bei ihnen eine Karriere als Experte zu starten, wenn ich mal kein Team mehr habe. Mal sehen, was draus wird. Derzeit habe ich ja noch eine Mannschaft - und sicher keine schlechte


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